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Erfahrungen: Artikel „Wandel der Sinne“

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Kürzlich besuchte ich ein DUNKELRESTAURANT, ein Restaurant, in dem man eine winzige Ahnung davon bekommt, wie es ist, als blinder Mensch die Herausforderungen des Alltags bewältigen zu müssen.

Im Restaurant „Sinneswandel“ in Dresden wird auf sehr eindrucksvolle Art und mit Erfolg versucht, ein kleines Stück dieses Lebensgefühls an Menschen ohne Sehbehinderung heranzubringen, indem man anbietet, einen Abend bei einem Essen feinster Gourmet-Küche in einem Raum zu verbringen, der KEINERLEI Lichtquelle hat und wo man nur ahnen kann, was ringsum geschieht. Ein Experiment, dem ich mich stellen wollte, auch, um auch mehr über mich zu erfahren.

Ich muss sagen, dass mir die erste halbe Stunde in völliger Dunkelheit doch ziemlich schwer gefallen ist und ich tatsächlich darüber nachdachte, den Raum zu verlassen.
Diese Abgabe jeglicher Kontrolle und das Gefühl, sich etwas Unbekanntem „ausgeliefert“ zu haben, was ich nicht sehen konnte, machte mir doch ziemliche Probleme und das Bleiben kostete mich ein wenig Überwindung.

Schnell begreift man, wie wichtig Hören und Tasten in dieser dunklen Welt sind – und bemerkt, in welcher Intensität man diese beiden Sinne nutzen muss, um sich ein wenig besser zurechtfinden zu können. Es gibt keine anderen Hilfsmittel, sondern man muss in diese dunkle Welt eintauchen und sich allen Anforderungen stellen, wie sie tagtäglich in der Welt blinder und sehbehinderter Menschen vorkommen.

Man macht sich natürlich Gedanken über die Umgebung, macht dies aber an Stimmen anderer Gäste und an Geräuschen fest, die man hört. Eigenartigerweise spricht man selbst lauter – vielleicht, weil man sonst befürchtet, nicht wahrgenommen zu werden. Was dem Sehenden durch die Augen, Handzeichen, eine Geste oder die Mimik als Ausdrucksformen zur Verfügung steht, bleibt hier verschlossen und muss ersetzt werden – durch Körperhaltung (indem ich mein Gesicht ganz nah meinem Gesprächspartner zuwende, hört und versteht er mich besser), durch Anfassen, um Formen und Beschaffenheit von Materialien zu erkennen oder einem Menschen im Gespräch nah zu sein. Auch das Riechen bekommt einen neuen Stellenwert. Es ist ausdrücklich in diesem Restaurant erlaubt und gewünscht, alle diese Wahrnehmungen durch unsere Sinne zu testen und zu benutzen. Und was mir vorher nie auffiel – man spürt die Nähe eines Menschen, von dem man gar nicht weiß, ob er da ist, indem man die Ausstrahlung seiner Körperwärme wahrnimmt.

Für mich interessant war u.a., dass ich feststellte, dass sich bei mir während des tollen 4-Gänge-Menüs, dem ein Gruß aus der Küche und eine kleine köstliche Einstimmung am Tisch vorausgingen, kein Sättigungsgefühl einstellte, obwohl ich wusste, dass ich wesentlich mehr gegessen hatte, als es sonst der Fall ist. Ich erkläre das für mich so, dass ich als Sehende schon vorher abschätze, wie viel von meinem Essen mich erfahrungsgemäß satt macht. Wenn ich aber nicht sehen kann, welche Menge ich esse, fehlt mir diese vorprogrammierte Einschätzung und mein Gehirn kann mir dieses Signal nicht senden.

Die Orientierung über das Tasten beim Essen war anfangs eine irgendwie beschämende, später teils belustigende und im Verlaufe des Abend fast normal werdende Hilfe. Wenn man zunächst mit den Fingern unvorbereitet im Essen „landet“, die Finger später als „Werkzeug“ benutzt (wie auch soll man Salatblättchen denn essen?) und es schließlich normal findet, stärkt diese Erfahrung die Toleranz blinden Menschen gegenüber. Natürlich tasten diese nicht in ihrem Essen herum, aber wenn man selbst die Erfahrung gemacht hat, wie schwer es ist, blind mit Messer und Gabel ein Gericht zu essen, kann man einschätzen, wie viel Übung und Fingerfertigkeit dazu gehören, das hinzubekommen. Und auch das Führen eines vollen Löffels zum Mund ist keine solche Selbstverständlichkeit, wie es uns Sehenden erscheinen mag.

Alles in allem ist dieser Restaurantbesuch eine Erfahrung, die ich jedem nur raten kann. Nicht nur, weil er Verständnis und Toleranz fördert, sondern auch, weil er uns Sehenden UNSERE Grenzen bewusst macht und aufzeigt, was blinde Menschen uns in manchen Bereichen voraus haben und was durchaus nicht selbstverständlich ist, sondern erlernt werden muss.

Einen blinden Menschen mit all SEINEN Sinnen so zu akzeptieren und anzunehmen, wie es für ihn wichtig und nötig ist, ist für mich nicht neu nach diesem Abend - das Fazit dieses Besuchs im DUNKELRESTAURANT hat mich aber darin bestärkt und auch in neue Richtungen gelenkt.

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