Erfahrungen: Artikel „Therapieerfahrung“
Vor mehr als 10 Jahren hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen einer Weiterbildung an einem Praktikum in einer Werkstatt für Behinderte in K. teilzunehmen.
Ich war im Bereich der sozialen Betreuung eingesetzt und wurde einer Mitarbeiterin der Einrichtung zugeteilt, die dort als Gestalttherapeutin tätig war.
Ehrlich gesagt hielt ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel von Psychotherapeuten. Meine innerlich eher ablehnende Einstellung basierte aber lediglich auf der allgemein verbreiteten Meinung, Therapie hätte immer etwas damit zu tun, dass man irgendwie „verrückt“ sei und nur deshalb Hilfe brauche – einen „Seelenklempner“, wie der Volksmund abwertend dazu sagt.
Getroffen hatte ich bis dahin noch keine Therapeuten und mein Wissen aus dem Fach Psychologie während des Studiums blieb eigentlich immer nur Theorie.
Der Begriff „Gestalt“-Therapeutin machte mich aber neugierig und so stellte ich schon recht viele Fragen zu dieser Tätigkeit und erlebte den Kontakt und die Therapiestunden mit behinderten Mitarbeitern der Werkstatt (natürlich nur mit deren Einwilligung). Das Gesehene und Erlebte ließ mich schnell erkennen, wie falsch meine Einstellung war! An einem Nachmittag war ich dabei, als ein geistig und körperlich schwerstbehindertes Mädchen, von dem kaum eine Gefühlsregung ausging, in einer Therapiestunde auf einen überdimensional großen und weichen Ball gelegt wurde. Die Therapeutin und ein weiterer Kollege hielten sie fest, damit sie sich nicht wehtun konnte, und schaukelten sie behutsam auf dem Ball hin und her. Zuerst reagierte das Mädchen gar nicht, aber nach einer Weile löste sich ganz langsam ihre Verkrampfung, sie zeigte auf ihre eigene Weise, wie gut ihrem Körper die Bewegung tat, bis sie schließlich selbst versuchte, die Bewegung zu beeinflussen – und tatsächlich lachte, als ihr das gelang. Dieses Lachen war eines der schönsten, das ich je in meinem Leben gehört habe, und das ich ganz sicher nicht wieder vergessen werde ... Ich musste in diesem Moment an die Menschen denken, die noch immer die Meinung vertreten, dass Behinderte mit schweren geistigen Schäden keine Freude am Leben hätten und es deshalb nicht lebenswert für sie wäre – sie alle hätten dieses Lachen hören sollen und in dieses Gesicht sehen müssen! Sicherlich hätten einige ihre Meinung geändert (nur die ewig Gestrigen würde selbst ein solches Erlebnis wohl nicht beeindrucken).
Nachdem ich eine Woche lang zugesehen und zugehört hatte, fragte mich meine Betreuerin, ob ich nicht Interesse daran hätte, einmal selbst eine Therapiestunde zu erleben, in der i c h derjenige sein sollte, der „therapiert“ wird. Ehrlich gesagt, war ich reichlich skeptisch, dass soetwas bei mir „funktionieren“ würde, aber andererseits war ich neugierig, wie es ist, wenn man selbst dejenige ist, auf den der Therapeut eingeht.
An einem Nachmittag gingen wir zu viert – ein Kollege von mir und ein Kollege von ihr kamen noch mit dazu – in eine Sporthalle, um dort also „am eigenen Leib“ zu erfahren, was Gestalttherapie bewirken kann.
Die erste Aufgabe bestand darin, dass wir mit farbigen Stiften einen Baum auf ein Blatt Papier malen sollten, der unser Leben symbolisieren sollte.
Wir kannten uns ja erst ein paar Tage und die Therapeutin wollte aus diesen Bildern etwas über unser Leben erfahren. Ich musste schmunzeln, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie solch ein Bild Geschichten von mir erzählen sollte.
Ich malte einen Baum mit einer braunen Rinde, die hier und da von dicken dunkelbraunen Strichen untergliedert wurde. Der Baum hatte einige Äste, die nicht mehr so ansehnlich waren, entwickelte aber an den Spitzen junger Äste neue grüne Blattspitzen, die sich erst noch entwickeln sollten. Natürlich malte ich nicht so, weil ich dabei mein Leben vor meinem geistigen Auge ablaufen sah. Ich malte einfach, wie ich eben einen Baum malen wollte.
Die Therapeutin nahm mein Blatt und sagte, dass man an den dicken Strichen in der Rinde des Baumes erkennen könne, dass ich schon einige schlimme seelische Verletzungen habe ertragen müssen. Die unansehnlichen verdorrten Äste wären auch ein Zeichen für böse Erlebnisse in der Vergangenheit, die ich hinter mir lassen wolle, wogegen die neuen jungen Triebe aber beweisen, dass ich im Moment die Hoffnung habe, dass sich die Situation, in der ich mich befinde, zum Guten wendet und mein Leben schöne Seiten bekommt.
Ich war erstaunt. Diese Frau kannte mich nicht, ich hatte ihr nichts aus meinem Leben erzählt – aber sie hatte Recht mit allem, was sie sagte. Jetzt wuchs meine Neugier und ich wollte weitergehen auf diese Reise in mein Ich.
Die zweite Übung war eine Partnerübung. Einer lag mit dem Rücken auf dem Boden, schloß die Augen und atmete ganz ruhig. Der andere setzte sich neben ihn und legte eine Hand leicht auf die Brust desjenigen, der lag, um dessen Atemzüge genau zu spüren. Es war Stille im Raum, niemand sprach. Es dauerte nicht lange, und meine Atmung verlief im Gleichklang mit der meines Partners, auch wenn wir mit einem unterschiedlichen Tempo in die Übung eingestiegen waren.
Das hatte etwas mit der Bereitschaft zu tun, sich auf den anderen einzulassen, ohne Angstgefühle zu haben.
Ich war also bereit zu vertrauen, mich auf jemanden einzulassen ...
Auch die nächste Übung war eine Partnerübung, wiederum eine sehr interessante.
Diesmal war die Therapeutin meine Partnerin und verhüllte sich, auf dem Boden liegend, mit einem großen Laken. Die Ausgangssituation sollte sein, dass ich die Mutter eines noch ungeborenen Kindes sein sollte – symbolisiert durch die Verhüllung – und spielen sollte, wie ich dieses Kind ins Leben führe, bis zu dem Moment, in dem ich es loslasse und es seinen eigenen Weg gehen lasse.
In der Auswertung meiner Verhaltensweisen wurde analysiert, dass ich sehr schwer loslassen kann, immer noch Hilfestellung geben will, auch wenn schon längst die notwendige Selbständigkeit in den einzelnen Entwicklungsphasen erreicht war – z. B. beim Laufenlernen.
Auch diese Einschätzung stimmte völlig. Ich hatte gerade die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn ein Kind in dem Alter ist, dass es die Familie verläßt, um auf eigenen Beinen zu stehen – und es war eine schlimme Erfahrung (auch wenn ich heute stolz auf meinen Sohn sein kann, der diesen Schritt für sich sehr gut bewältigt hat).
Die nächste Übung verlangte von uns Durchsetzungsvermögen und einen gewissen Grad Härte gegen sich und andere. Es ging darum, den Raum zu durchqueren und sich von dem Partner, der einen mit aller Kraft aufhalten wollte, nicht daran hindern zu lassen. Nun, ehrlich gesagt, gab ich ziemlich schnell auf, konnte mich nicht so richtig durchsetzen, ließ ich mich schnell überwältigen ...
Die letzte aller Übungen wurde für mich zu einem Schlüsselerlebnis.
Die Therapeutin gab jedem von uns einen Klumpen Lehm in die Hand, stellte eine sehr ruhige Musik an, bei der wir uns mit geschlossenen Augen entspannen und mit unseren Händen etwas formen sollten, was uns in den Sinn kam.
Ich kann heute nicht mehr sagen, wie und warum es geschah, aber nach wenigen Minuten, in denen ich der Musik lauschte und diesen Klumpen knetete und knetete, ohne etwas wirklich zu formen, fing ich bitterlich an zu weinen.
Ich weinte und weinte und konnte nicht dagegen ankommen – und fühlte mich gleichzeitig befreit von einer Last, die ich noch nicht mit Worten beschreiben konnte.
Als die Musik verklungen war und ich mich langsam wieder beruhigt hatte – auch dank der Therapeutin, die sehr einfühlsam auf mich einging – fragte sie mich, ob ich reden wolle über das, was mir auf dem Herzen lag. Und plötzlich wusste ich, was es war, was meine Seele so belastet hatte ... und ich wollte jetzt über das reden, was ich so in mir verschlossen hatte und was mein Selbstwertgefühl entscheidend beeinträchtigt hatte ... und ich k o n n t e darüber reden ...
Es war wunderbar befreiend, wenn auch anstrengend, aber ich fühlte mich danach leicht und auf seltsame Art selbstbewusster.
Ungefähr ein halbes Jahr wirkten all diese Erlebnisse in mir nach, die mir ermöglicht hatten, mehr über mich zu erfahren und mir einen Blick in meine eigene Seele erlaubt hatten. Später, als mich neue Schicksalsschläge zurückwarfen, suchte ich solche Möglichkeiten, mir Hilfe durch Gestalttherapie zu suchen, da ich dieser Art der therapeutischen Hilfe inzwischen uneingeschränkt vertraute. Leider gelang es mir seit meinem Besuch in K. nicht mehr, einen Ansprechpartner mit dieser Ausbildung bei uns – in den neuen Bundesländern – zu finden. Ich bedaure das sehr weil ich glaube, dass manches in meinem Leben leichter zu verkraften gewesen wäre – auch jetzt noch – wenn ich eine solche Therapie für mich hätte nutzen können. Ich habe versucht, mir andere Formen zu erschließen (z. B. autogenes Training oder den Einstieg in die Psychoanalyse) aber das Ergebnis war nicht das von mir erhoffte und für mich nötige.
Meine Erfahrungen mit der Gestalttherapie begründen sich auf zwei Stunden, in denen ich Dinge über mich erfuhr, die ich so noch nie wahrgenommen hatte und die mich bewußter im Umgang mit mir selbst werden ließen ...