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Spuren, die bleiben ... Der Weg

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Es ist Anfang Juni 2002.
Mich erreicht telefonisch die Nachricht, dass meine Mutti überraschend ins Krankenhaus musste. Ein Schreck, natürlich, aber da es nicht das erste Mal ist, gehe ich davon aus, dass es nicht ganz so schlimm werden wird – die Familie hatte solche Schrecksekunden wiederholt in den letzten zwei Jahren.

Da ich etwas mehr als 100 km entfernt von meinen Eltern und meiner Schwester mit ihrer Familie wohne, einen 12-jährigen Sohn habe, berufstätig und also alleinerziehend bin, bleibt mir der telefonische Kontakt, um zu erfahren, was mit meiner Mutti geschieht. Das ist zunächst nicht viel, Voruntersuchungen, Ergebnisse abwarten, weitere Untersuchungen, zunächst keine klaren Aussagen von Ärzten, eine Verlegung in ein anderes Krankenhaus.
Dann plötzlich die Diagnose – niederschmetternd, unglaublich ... und doch wahr. Bauchspeicheldrüsenkrebs ...

Unfaßbar – diese heimtückische Krankheit Krebs hatte schon wiederholt unserer Familie heimgesucht – nahm das denn kein Ende? Meine Schwester und mich quälte er, nun unsere Mutti – das durfte doch alles nicht wahr sein!

Sofort stürzte ich mich in die Suche nach Operationsmethoden und Heilprognosen, sprach mit vielen Ärzten, fragte Betroffene und Ärzte im Internet um Rat, las Publikationen, wollte wissen, was da vor sich ging.
Aber am Ende jeder neuen Suche stand immer wieder, dass eine Heilung nicht möglich sei und die „Lebensqualität“ nach einer Operation eigentlich in erster Linie aus Schmerzen und deren Linderung besteht.
Übrigens erhielt ich ein unglaubliches Feedback von Patienten, betroffenen Angehörigen, Mitarbeitern des Arbeitskreises in Dormagen ...

Was sollte ich mit diesem Wissen anfangen? Es war nicht möglich, mit dem Großteil meiner Familie darüber zu reden, dort hatte der Verdrängungsmechanismus eingesetzt. Sicher auch eine Art, damit umzugehen, aber nicht meine.
Ich musste meinen eigenen Weg finden – und dieser Weg hieß, wenn es schon so sein sollte, dass meine Mutti mit dieser Krankheit jetzt kämpfen musste, dann wollte ich den mir möglichen kleinen Teil dazu beitragen, ihr die beste Behandlung zu ermöglichen.

Es stand ihr ein langer Leidensweg bevor, sie schien das zu wissen oder zu ahnen und wollte diesen Weg nicht gehen. Meine Familie bat sie, es doch zu tun, für die Familie. Ich konnte nicht sagen „tu es für mich“, ich wusste doch, was auf sie zukam. Bewusst habe ich diese Bitte vermieden, auch weil ich denke, dass jeder Mensch das Recht hat, selbst über sein Leben zu bestimmen und es nicht für andere leben soll. Vielleicht war das falsch in dieser Situation, aber mir lag mehr daran, das meine Mutti für sich selbst diesen Weg gehen wollte, denn sie musste doch all die Schmerzen ertragen, die diese gemeine Krankheit mit sich bringen würde.

Nun, sie entschied sich, den Kampf aufzunehmen, vielleicht nicht nur, weil sie darum gebeten wurde, sondern auch deshalb, weil sie mit ihren 73 Jahren doch noch erleben wollte, was das Leben noch für sie an schönen Dingen bereithielt.

Die erste Operation verlief erfolglos, weil sich die Ärzte im Kreiskrankenhaus nicht zutrauten, den Tumor, den sie sahen, zu entfernen.
Ich hatte vorher mit einem absoluten Spezialisten auf diesem Gebiet in Hamburg Kontakt aufgenommen, der auch bereit war, die Behandlung zu übernehmen, aber letztlich scheiterten all meine Bemühungen an der Bürokratie der Krankenkasse, denn meine Mutti wohnt in der Nähe von Leipzig – wie konne man da eine Behandlung in Hamburg erwarten!

Wenn ich gerade in diesem Zusammenhang an die Arztserien auf unseren Fernsehkanälen denke, so möchte ich die Macher dieser Serien fragen, ob sie jemals mit einem Patienten in einem großen Krankenhaus gesprochen und seine Angehörigen befragt haben, wie mit ihnen „umgegangen“ wurde? Es ist unglaublich, mit welcher Arroganz man die Ärzte als solche hinstellt, die stets und ständig für ihre Patienten da sind und sich sogar noch um ihre privaten Probleme kümmern. Die Normalität heißt: das Pankreaskarzinom auf Zimmer ... ist zu wenig aktiv. Nichts davon, dass man sich da mal kümmern müsse, die Patientin zu mobilisieren ... es reichte ja, wenn die Angehörigen das einmal am Tag taten. Wer die Anghörigen waren, blieb den behandelnden Ärzten weitesgehend unbekannt – das war wohl so gewollt?!

Also wurde meine Mutti nach Leipzig in die Universitätsklinik verlegt. Wie gut sich das anhört, wie vielversprechend, dort sollten Spezialisten arbeiten, die sich wirklich auskennen. Sagte man uns, dachten und glaubten wir. Welch' fataler Irrtum!
Eine zweite Operation ließ uns diesen noch nicht erkennen, denn die „Götter in Weiß“ lobten den Ausgang des Eingriffes in den höchsten Tönen – ach wie dankbar wir waren und annahmen, nun würde alles gut werden.

Zu meiner Gewohnheit war es nun geworden, jeden Samstag zuerst zu meinem Vater und mit ihm dann nach Leipzig ins Krankenhaus zu fahren. In der Woche ließ ich den Ärzten keine Ruhe und telefonierte immer und immer wieder, um mich nach dem weiteren Vorgehen zu erkundigen, da mir mit der Zeit manches seltsam und unverständlich vorkam. Mein Vater hatte kaum die Gelegenheit, mal mit einem Arzt ein persönliches Gespräch zu führen, und wenn, dann immer auf dem Flur, hastige 5 Minuten nach dem Motto „Was wollen Sie denn nun schon wieder?“.

Der Heilungsprozeß ging nicht voran. Man muss sich vorstellen – nur durch unser Nachfragen ging man schließlich irgendwann gegen das Wasser im Körper vor, untersuchte man dann doch, warum die Wundheilung im Bauch nicht vorankam – und wartete so lange, bis eine dritte Operation nötig war „weil etwas im Bauchraum unklar war“.
Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet und will mir nicht anmaßen, ein umfassendes Urteil über die Arbeit der Ärzte auf dieser Station zu fällen, aber das dort eine seltsame Arbeitsweise herrschte, merkte selbst ich.

Sehr schwer und unverständlich war und blieb für uns auch, warum es nie einen wirklichen Ansprechpartner für uns gab (inzwischen hatten wir aus der Situation, immer nur telefonisch jemanden erreichen zu können, versucht, das Beste zu machen). Einmal hieß es, der Professor sei zuständig, das nächste Mal war nur ein anderer Arzt zu einer Aussage fähig (von denen wir inzwischen wissen, dass kaum die Hälfte davon glaubhaft war) – wobei die Auskünfte zwischen Euphorie und tiefster Hoffnungslosigkeit schwankten, je nachdem, welcher Arzt am Telefon war – aber wir hingen uns an jeden Strohhalm und suchten nach Entschuldigungen für diejenigen, die uns im Stich ließen ... und auf denen doch all' unsere Hoffnungen ruhen ... mussten ...

... Das Sterben

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