Spuren, die bleiben ... Das Sterben
Es war der 20. August 2002. Gegen Abend erhielt ich von meinem Vater den Anruf, dass meine Mutti einen Schlaganfall erlitten hatte! Informiert hatte ihn die chirurgische Station darüber erst, als er nach mehrmaligen Versuchen meine Mutter selbst telefonisch nicht erreichte und nun endlich gesagt bekam, warum das so war.
Der Umgang mit den Angehörigen von Patienten dieser Klinik war immer wieder äußerst „beeindruckend“.
Die Intensivstation der Neurologie konnte uns noch keine konkreten Aussagen geben, da das CT erst am nächsten Tag möglich war. Ich hinterließ meine Handynummer und flehte inständig, man möge uns zu jeder Tages- oder Nachtzeit informieren. Man versprach es uns – und ich muss vorwegnehmen – man hielt dieses Versprechen ohne eine einzige Einschränkung.
Am nächsten Tag nahm ich mir kurzfristig einen Tag Urlaub, brachte meinen Sohn bei Freunden unter und fuhr zu meinem Vater. Dort erreichte uns gegen 11 Uhr die Nachricht, dass das CT ausgewertet sei und wir kommen sollten, damit man mit uns darüber reden könne. So unglaublich neu dieser Umgang der Ärzte mit uns war, so schrecklich war doch die Angst vor dem, was uns erwartete – und von dem wir ahnten, dass es nichts Gutes sein würde, auch wenn wir es uns gegenüber nicht aussprachen.
Medizinische Details auszuführen, soll hier nicht Sinn und Zweck der Zeilen sein – aber es sei unbedingt gesagt, dass man uns auf sehr mitfühlende, schonende und einfühlsame Art und Weise sagte, dass unsere Mutti nicht mehr zu retten sei und spätestens nach 72 Stunden der Kampf um ihr Leben beendet sein würde, weil die Atmung dann gelähmt sein würde.
Man hört die Worte, man sieht in die betretenen Gesichter der Ärzte, die diese Botschaft überbringen müssen, man erfasst und glaubt zu verstehen – und man realisiert in diesem Moment doch nicht wirklich ...
Wir durften unsere Mutti kurz sehen, Besuchszeit war eigentlich 3 Stunden später.
Man kennt diese ganze Apparatemedizin und glaubt, vorbereitet zu sein – aber man ist es in keiner Weise, denn dort liegt ein Mensch, den man liebt. Er ist hilflos, gelähmt, kann weder sprechen noch die Augen öffnen, weiß vielleicht gar nicht, dass wir da sind ... wie soll man sich darauf vorbereiten??? Wie soll man damit umgehen? Was soll man sagen, tun? Wir waren auf unsere Weise ohnmächtig und ähnlich zunächst völlig hilflos, diesen Weg des Sterbens, der nun definitiv begonnen hatte, zu gehen ...
Wir verließen die Intensivstation bis zur Besuchszeit, gingen durch den Park und fanden uns plötzlich inmitten des pulsierenden Lebens einer Großstadt wieder. Wie konnte das sein? Durften die Menschen einkaufen, zur Straßenbahn hasten, lachen, durften die Menschen in Straßencafes sitzen, während wenige Meter entfernt unsere Mutti im Sterben lag? Durften wir uns setzen und etwas trinken? Wieso ging alles seinen normalen Gang, wieso? Millionen Menschen sterben täglich auf der Welt und wir hörten die Nachrichten davon schon mehr oder weniger teilnahmslos. Aber nun waren wir Betroffene – und es bestätigt sich auch hier wieder „Verstehen kann nur der, der die Situation des anderen selbst erlebt hat.“
Am Mittwoch und Donnerstag besuchten wir Mutti zur gewöhnlichen Besuchszeit, streichelten sie, sprachen mit ihr, erzählten ihr, was so war. Und immer redeten wir uns gut zu, dass sie unsere Anwesenheit spüren würde, auch wenn sie sonst keinerlei Reaktion auf Impulse mehr zeigte. Die Ärzte kamen und beantworteten jede unserer Fragen geduldig und voller Verständnis – wir waren ihnen so dankbar, dass sie uns das Gefühl gaben, für uns da zu sein und Halt zu geben, wenn wir selbst drohten, ihn zu verlieren.
Es kam der Freitag. Auf der Intensivstation wurde umgebaut, die Betten zusammengelegt in einen Raum. Aus diesem Grund war es notwendig, dass nur je ein Besucher zu jedem Patienten gelassen wurde. Mein Vater kam schon nach 10 Minuten wieder heraus und fragte mich mit einem ziemlich verstörten Gesichtsausdruck, ob ich diesen Besuch heute wirklich wollte. Natürlich wollte ich meine Mutti sehen und ging in den Raum, in dem ihr Bett stand.
Unbeschreiblich, unwirklich, unfassbar war, was ich sehen und erleben musste. Das Atemzentrum war inzwischen sehr angegriffen und das Ringen nach Luft schien ihr eine äußerst schmerzhafte Tortur zu sein. Die Ärzte versichertern mir, dass sie keine Schmerzen leide und inzwischen hatte ich auch ganz gut gelernt, die Kurven und Zahlen des Monitors zu lesen – ich wollte ihnen glauben.
Ich hatte diese Zeit mit ihr allein und verfluchte diesen plötzlichen Tod, der mir die Möglichkeit nahm, alles Ungesagte noch zu sagen, alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, ihr meine Liebe, die ich im Herzen trug, zu zeigen. Es lag mir so viel daran, dass sie mir verzeihen möge, wenn ich ihr manchmal Unrecht getan oder ihr meine Gefühle nicht wirklich zu erkennen gegeben hatte. Wichtig war mir aber auch, dass sie mir hätte sagen können, dass sie mich verstanden und trotzdem geliebt habe, auch wenn ich einen Weg gegangen war, der nicht immer in ihr Weltbild und ihre Überzeugung von der Richtigkeit passte. Nun war es zu spät für das alles – ich wusste und weiß bis heute nicht, wie ich damit umgehen soll ...
Es waren vielleicht 15 Minuten vergangen, als die Anzeigen auf dem Monitor deutlich rückläufig waren. Sofort befragte ich die Ärztin, ob nun eintreten werde, was ich befürchtete.
Da sie mir zustimmte, bat ich natürlich, meinen Vater dazuholen zu dürfen, was mir selbstverständlich erlaubt wurde. Als ich rannte, um ihn zu holen, glaubte ich, um mein Leben laufen zu müssen, denn ich wollte auf keinen Fall mit ihm zu spät kommen.
Als wir an ihr Bett zurückgekehrt waren, stellte sich jeder von uns auf eine Seite und nahm eine ihrer Hand in seine.
Niemals hätte ich es für möglich gehalten, die körperliche und psychische Stärke dafür zu besitzen. Aber darauf kam es doch gar nicht an. Wichtig war doch, dass Mutti spürte, dass wir da waren. Wir sagten ihr, dass wir sie begleiten auf ihrem letzten Weg und dass wir sie an den Händen führen, dahin, wo sie jetzt hingehen muss. Wir sagten ihr auch, dass wir verstehen, dass sie jetzt loslassen muss und diesen Kampf nicht mehr kämpfen kann, dass wir stolz auf sie seien und froh, ihre Wegbegleiter in diesem Moment sein zu dürfen. Natürlich weinten wir, denn das Endgültige war nun unvermeidlich und erstmals formulierten sich in meinem Kopf die Worte „Nie wieder“, ohne deren Sinn wirklich erfassen zu können.
Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange, streichelte sie – und ich sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. GANZ SICHER!
Wir sind keine gottgläubigen Menschen, aber ich selbst habe schon oft Berichte gehört, dass Menschen kurz vor dem drohenden Tod von einem hellen Licht berichteten, dass sie vor sich sahen. Ich flehte aus der Tiefe meines Herzens, dieses Licht möge auch für meine Mutti sichtbar sein und ihr die Angst vor Dunkelheit und Leere nehmen.
Mögen die Wissenschaftler ihre Theorien haben, die dafür und dagen sprechen: ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass der Zustand meiner Mutti den ganzen 23.08.2002 über so stabil war, weil sie auf uns wartete. Sie wusste, dass wir kommen und sie wusste, dass wir sie auf ihrem letzten Stück Weg begleiten würden, führen, ihre Hand halten, bis sie angekommen war im Licht.
Sie hatte nur gewartet auf unsere liebevollen Worte und dass wir ihr versicherten, dass wir verstehen, dass sie nun gehen muss. Sie hat es gespürt und konnte dadurch loslassen – es war ihr wichtig, diesen letzten Weg mit uns gemeinsam zu gehen. ICH WEIß ES!. Und genauso wichtig war es uns.
Bis zum letzten Atemzug blieben wir bei ihr – und so schrecklich die Vorstellung für Außenstehende sein mag, so froh bin ich, die Gelegenheit gehabt zu haben, meine Mutti beim Sterben zu begleiten – bis zuletzt.