Für meine Schwester
Liebe Schwester,
es ist der 20.12.2002. Ich werde um 5.31 Uhr wach. Das ist eine sehr ungewöhnliche Zeit und ich bin erstaunt, aber ich schlafe dann auch gleich wieder ein.
Erst später soll ich erfahren, dass durchaus ein tieferer Sinn darin lag ...
Eigentlich ist es schade, dass ich so wenige gemeinsame Kindheitserinneringen mit dir habe. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die 6 Jahre Altersunterschied, die uns trennen, unsere Interessen ganz unterschiedlich prägen.
Allerdings erinnere ich mich, dass du mal mit mir mit diesem großen roten Roller gefahren bist. Wir fielen hin und ich schlug mir an einer kleinen Glasscherbe die Stirn blutig. Du wirst selbst kaum älter als 7 oder 8 Jahre gewesen sein und der Anblick muss dich so erschreckt haben, dass du es vorzogst, schreiend davonzulaufen – ich war zu klein, um dir Rache zu schwören :-).
Die Betten in unserem Zimmer standen mit den Kopfenden zusammen, weißt du noch? Du mochtest es, wenn ich dir abends selbst ausgedachte Geschichten erzählte und ich gab mir wirklich alle Mühe dabei, spannend und interessant zu erzählen.
Als ich wieder einmal glaubte, besonders gut erzählt zu haben und dich nach deiner Meinung fragte, hörte ich aus deinem Bett allerdings nur ein gleichmäßiges Atmen, das auf tiefen Schlaf deutete – da war ich aber schon in dem Alter, um mich für diese "Niederträchtigkeit" zu rächen :-) – aber frag' mich nicht, wie ich das anstellte, ich weiß es nicht mehr ...
Da wir immer eine Horde Kinder waren, ist mir wohl auch nie so richtig aufgefallen, welche Wege du gegangen bist, während ich spielte, tobte und auch manchen Unsinn trieb. Es muss die Zeit gewesen sein, in der du doch schon recht im Elternhaus "rebelliertest" und deine eigenen Wege gingst.
Wenn ich mich recht erinnere, ging das nicht immer ohne Ärger ab, aber so richtig mitbekommen habe ich es nicht wirklich.
Naja, und als du dann nach der Schule zum Studium nach Weimar gingst, da hatten wir tatsächlich nur recht wenig, was uns an gemeinsamen Interessen in dieser Zeit verband. Vom Kasseturm hast du viel erzählt, wenn du am Wochenende nach Hause kamst, das war euer Studententreff, das weiß ich noch.
Und du wirst es nicht glauben – als ich letztes Jahr in Weimar war, musste ich unbedingt diesen Kasseturm besuchen, der auch heute noch Studentenkneipe ist. Ich wollte nach so vielen Jahren wissen, wie es war, wo du feiertest und vergnügt warst.
Ach ja, und das will ich auch nicht verschweigen: du hast es fertiggebracht, mich in dieser Zeit "aufzuklären" – bloß gut, wahrscheinlich hätte ich mich sonst noch viel dümmer angestellt, wo ich doch im Gegensatz zu dir, was diese "Sache" angeht, ein Spätzünder war.
Du kehrtest nach deinem Studium zurück und wurdest Erzieherin in dem Kinderheim, in dem wir wohnten und unsere Eltern arbeiteten. Erinnerst du dich, ich war mal verschossen in einen Rotschopf mit vielen Sommersprossen aus deiner Gruppe, aber mehr als gemeinsames Spielen wie Fußball oder so war ja nicht.
Dann ging ich bald zum Studium und zog danach in eine andere Stadt. Viel hatten wir uns auch damals nicht zu sagen, wir lebten ja ganz andere Leben und auch unsere Interessen hatten sich nicht irgendwie angenähert. Das heißt nicht, dass wir uns nicht gern hatten ...
So richtig bewußt wurde mir das, als dein Sohn Michael Ferien bei uns machte und wir den schrecklichen Anruf erhielten, dass du an Krebs erkrankt und nicht mehr zu retten seist.
Wie sollte ich denn das verstehen? Was sollte ich deinem Kind sagen? Wir fuhren sofort am nächsten Tag zu dir ins Krankenhaus und ich schwor mir, dich immer lieb zu haben und nie mehr mit dir zu streiten, wenn du nur am Leben bleiben könntest!
Das mit dem Liebhaben hat geklappt – das mit dem Streiten ... naja. :-)
Weißt du, all die Jahre ist mir nie die Bewunderung verlorengegangen, mit der du – trotz der Hoffnungslosigkeit, die man vorausgesagt hatte – den Kampf mit dieser Krankheit aufgenommen hast. Diese Heimtücke, mit der sie dich überfiel, diese körperlichen und seelischen Schmerzen, diese Angst – mein Gott, mit welchem Lebenswillen, welcher Kraft und manchmal welchem Galgenhumor du damit umgegangen bist.
UND DU HAST GESIEGT! Entgegen aller Unkenrufe. Noch später haben wir uns mehr oder weniger über den Satz amüsiert "Totgesagte leben länger" ...
Kannst du dich eigentlich noch erinnern, dass ich einen kleinen Teil dazu beigetragen habe, dass du dein persönliches Glück in deinem Lutz gefunden hast?
Nach deiner schweren Krankheit konntest du ja nicht mehr arbeiten und wurdest erwerbsunfähig. Du bliebst in deiner Wohnung im Heim und es gab da einen besonders netten Kollegen, der oft zu dir kam, dich ein wenig aufheiterte, Mensch-ärgere-dich-nicht mit dir spielte und mit dem du reden konntest und lachen.
Zu dieser Zeit gab es aber Lutz schon – und er war verdammt eifersüchtig. Bei einer Familienfeier (bei der auch dieser Kollege da war und als du schon längst den Plan hattest, ihn mit mir zu verkuppeln – was ja später auch klappte :-)) reichte es ihm dann wohl mächtig und er wollte endgültig von dannen ziehen. Ja, ja, Schwesterherz, da war ich es, die ihm in die Nacht hinterherlief und ihm klarmachte, dass dein Kollege und du wirklich nur ein freundschaftliches Verhältnis hattet.
Zum Glück glaubte er mir nach langem Zureden – und so wurden 15 gemeinsame Lebensjahre für euch möglich, natürlich mit Höhen und Tiefen, wie sie alle Paare in so vielen Jahren durchleben.
Anderen eine Freude machen ... da fällt mir ein, dass du als Invalidenrentner der DDR ja in die BRD fahren durftest. Und ich werde wohl nie vergessen, wie es war, als du das erste Mal zurückkehrtest und all die Geschenke auspacktest, die du für jeden reichlich mitgebracht hattest. Ich weiß nicht mehr, wessen Augen damals mehr leuchteten – deine oder die der Beschenkten ...
Es hat für mich eine ganze Weile gedauert, bis ich begriff, dass das Wort "Glück" für jeden Menschen eine unterschiedliche Interpretation hat.
Deine Ziele gingen in Richtungen, die ich nicht so richtig nachvollziehen konnte – Zufriedenheit und Harmonie im Zusammenleben (manchmal um jeden Preis), eine immer sehr schön eingerichtete Wohnung (ich hatte manchmal ein Problem damit, mich darin frei zu bewegen, weil alles immer perfekt war und ich befürchtete, ein z. B. stehengebliebenes Glas würde diese Perfektheit stören), einen Garten, einen kleinen Hund, Neuigkeiten aus der Welt der
Promis ...
Ich dagegen begriff wohl nicht, dass es manchmal das kleine Glück ist, das das Leben lebenswert macht – anstatt immer dem großen hinterherzujagen und es nie zu erreichen.
Nach deinem letzten Umzug im Frühjahr 2002 hast du körperlich mächtig abgebaut, es war ja auch mal wieder eine Aufregung und ein Stress damit verbunden, den du nicht das erste Mal hattest.
Dann passsierte das große Unglück, dass unsere Mutti Anfang Juni ins Krankenhaus musste und die Diaognose Bauchspeicheldrüsenkrebs uns alle umwarf. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, musstest auch du noch ins Krankenhaus, weil ein Darmverschluss eine Notoperation nötig machte.
Am 23. August starb unsere Mutti und keiner von uns kann diesen Verlust bis heute fassen.
Damit wenigstens du wieder zu Kräften kommst, waren harte Worte nötig, um dich von der Notwendigkeit einer Kur zu überzeugen – zumal dein Allgemeinzustand sich nicht wirklich besserte und die Ursache für deine andauernden Schmerzen noch immer nicht abgeklärt waren.
Naja, so doll war die Kur wohl nicht, weder von den Anwendungen her noch vom Erfolg, der sich daraus ergeben sollte.
Am 14.12.2002 besuchten Benjamin und ich dich und Lutz bei Euch zu Hause und verbrachten zwei Stunden miteinander. Wir redeten, tranken Tee und spielten etwas. Es war eine schöne, entspannte Atmosphäre. Auch wenn du durch einen weiten Pullover versuchtest, dein Aussehen zu verstecken – dass du noch immer weniger als 40 kg wogst, war auf den ersten Blick zu sehen. Aber du sagtest mir, dass du dich seit einigen Tagen besser fühlst und auch das Gespräch mit der Neurologin, zu dem ich dich mehr oder weniger überredet
hatte, hatte dir wohl doch geholfen – jedenfalls wolltest du wieder hingehen und mit ihrer Hilfe versuchen, deine Trauer über Muttis Tod zu bewältigen.
Ich war doch erleichtert und voller Hoffnung, dass es nun wieder bergauf geht.
Dann, es war der 15.12. abends, rief Vati mich an, dass du noch in der Nacht von Samstag zu Sonntag völlig unerwartet ins Krankenhaus musstest und wieder eine Notoperation nötig war, obwohl sie auf Grund deiner körperlichen Verfassung fast unmöglich war – du hattest einen Magendurchbruch.
Es ging dir von Tag zu Tag schlechter. Am Montag und Dienstag konntest du noch mit mir telefonieren, am Mittwoch warst du schon zu schwach dazu ...
Es kam der 20. Dezember 2002.
Ich wurde um 5.31 Uhr wach ...
Heute weiß ich, warum.
Zu dieser Zeit hörte dein Herz auf zu schlagen – du sendetest mir deinen Abschiedsgruss ...
Das Geschehen ist unfassbar und der erneute Schmerz nicht in Worte zu fassen.
Die liebevolle Erinnerung bleibt – so lange ich lebe.
"Wir Menschen sind wie Engel mit einem Flügel und wir müssen uns umarmen,
um fliegen zu können."
Ich umarme dich und begleite dich in Gedanken auf deinem Weg in die Unendlichkeit des
Seins ...
Deine Schwester