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Erfahrungen: Artikel „Entsetzen“

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Montag, 06. Juli. Ich fahre gegen 16.30 im Berufsverkehr in die Innenstadt. In Höhe der Fußgängerampel in der E. -Thälmann-Straße staut sich der Verkehr in Richtung Kaufhauskreuzung, auf der Gegenfahrbahn gehr es nur im Schritttempo voran. Ich wundere mich, dass die Fahrzeuge hinter der Ampel einen großen Bogen machen, so, als wäre ein Hindernis zu umfahren.

Die Ampel zeigt rot. Ich halte an, warte und sehe, dass vor mir auf der Fahrbahn tatsächlich etwas liegt. Als ich langsam losfahre, glaube ich, meinen Augen nicht zu trauen: Das „Hindernis“, das so geschickt umfahren wurde, ist – ein Mensch!

Ich halte an, gehe zu dem Mann (er sieht verwahrlost aus), versuche mit ihm zu reden, gehe zu dem Fahrzeug hinter mir und bitte den Fahrer, mir behilflich zu sein, diesem Menschen behilflich zu sein. Keine Reaktion. Die Autos auf der Gegenfahrbahn fahren weiter sehr langsam vorbei, keiner will den Anblick des hilflos aur der Straße liegenden Mannes versäumen. Fußgänger und Fahrradfahrer sind genauso neugierig, lachen, machen Witze, kommentieren das „Ereignis“. Sie betrachten diesen Menschen – und es ist doch, auch wenn er obdachlos und betrunken ist, ein MENSCH – als wäre es ein Stück Müll, das da auf der Straße liegt und den Weg versperrt.

Ich bin entsetzt und hilflos, verstehe nicht, was in den Menschsen um mich herum vorgeht.

Zwei Jugendliche kommen von der Bushaltestelle gelaufen, zwei, die man wegen ihrer äußeren Erscheinung auch sofort abstempeln würde.

Sie rütteln den Mann, helfen ihm, sich aufzurichten und an den Straßenrand zu gelangen. Ich habe keine Zeit, ihnen zu danken, die Szenerie um mich herum verlangt energisch, daß ich in mein Auto steige und den Verkehr nicht länger aufhalte!

Die Zuschauer in den Fahrzeugen und den Straßenrändern wenden sich wieder ihrem Alltag zu – das „Schauspiel“ ist beendet.

Ich fahre los, bin wütend und traurig zugleich. Darüber, dass ein Mensch in einer solchen Situation, egal, wie er dahin geraten ist, nicht die Hilfe seiner Mitmenschen wert zu sein scheint, dass er nur ein Objekt der Belustigung war – nicht mehr, eher viel weniger ...

Anmerkung:
Dieser Artikel wurde in der damals aktuellen Ausgabe der Regionalzeitung „Lausitzer Rundschau“ abgedruckt.

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