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Erfahrungen: Artikel „Am See“

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Ich habe mich auf eine Bank gesetzt. An einen rauhen Holztisch. Pause. Der Wind blies mir mächtig ins Gesicht auf meinem Rad am See entlang und ließ mich die Wärme der Sonne kaum spüren. Trotzdem sitze ich jetzt im Schatten, anstatt Sonne zu tanken. Warum? Weil die einladende Bank ganz nah am Wasser und einem großen Baum steht und viele Büsche sich darum eingefunden haben – fast idyllisch, ich kann es genießen.

Ein Mann kommt. Er stellt sein Fahrrad ab und steuert auf meine Bank zu. Er ist Maler, wie seine Kleidung verrät, und wahrscheinlich kommt er von der Arbeit und ist auf dem Weg nach Hause – auch mit dem Rad am See entlang. Auf der Querstange seines Rades ist ein Kindersitz befestigt. Ich vermute, für seinen Enkel, denn für einen Sohn in diesem Alter ist er wohl schon zu alt.

Aber jetzt möchte er erst einmal ein Pause machen. Wie ich. Er sieht müde aus, bewegt sich langsam. Er setzt sich ohne Gruß und mit einem mürrischen Gesicht an das andere Ende des Tisches, packt ein Getränk aus, Tabak und Zigarettenpapier, dazu eine Stopfmaschine, vermute ich. Ob er verärgert ist? Vielleicht ist das „seine“ Bank, seine im-Feierabend-ankommen-Bank.

Da ich meine Sonnenbrille trage, sieht er nicht, wie ich ihn hinter den dunklen Gläsern interessiert beobachte. Der Maler stopft sich eine Zigarette, öffnet seine Flasche und holt aus seiner abgegriffenen Arbeitstasche, die er sicher schon seit Jahren mit sich herumträgt, einen Brief. Man sieht ihr an, dass er sie oft in der Hand hält und sie schon viele seiner Arbeitsplätze gesehen hat. Er öffnet den Brief. Zuvor rückt er seine Brille zurecht, die unter seinem Malerhut, den er tief in die Stirn trägt, fast verschwindet. Der Mann liest, sein Gesicht bleibt unbeweglich. Aber er nickt zustimmend zu dem, was auf dem Papier steht. Dann steckt er es wieder bedächtig in seine braune Aktentasche zurück.

Jetzt schweift sein Blick über den See. Er nimmt einen langen, langen Schluck aus seiner Flasche, danach einen tiefen Zug seiner Zigarette. Jetzt ist er wohl in seinem Feierabend angekommen...

Ich stehe auf und verabschiede mich. Irgendetwas sagt er auch, aber er murmelt es so undeutlich, dass ich es nicht verstehen kann. Macht nichts. Ich lächle in mich hinein – es war eine sehr stille und interessante Begegnung mit einem Unbekannten an diesem späten Nachmittag.

Der Wind nimmt mich wieder auf und trägt mich weiter am See entlang – in MEINEN Feierabend.

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